Werfen wir einen Blick in interessante Healthcare-Blogs aus dieser Woche. Stichwort: “Digitale Medizin“ – ein vielgestaltiges, häufig kontrovers diskutiertes Thema.

Ob OP-Roboter, elektronischer Pflegeassistent, virtuelles Patientenmonitoring oder Big Data auf der Intensivstation, Medizininformatik soll die Arbeit der Ärzte erleichtern und die Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten für Patienten verbessern. Folge: Die Menge digitaler medizinischer Daten wächst rasant. Kompliziert – und auch ethisch schwierig – wird es, wenn sich selbst optimierende Algorithmen diese Datenmengen interpretieren und behandelnden Ärzten bestimmte Entscheidungen abnehmen („Decision Support“). Die Frage: Wie weit darf Künstliche Intelligenz (KI) den Arzt ersetzen – darf sie es überhaupt?

Der britische Wissenschaftsautor Adi Gaskell stellt in seinem immer lesenswerten Blog The Horizons Tracker eine von „PLOS ONE“ veröffentlichte Studie vor, der zufolge ein von britischen Wissenschaftlern entwickeltes Programm mit Hilfe künstlicher Intelligenz das Risiko einzelner Menschen, an einem Herzinfarkt zu sterben, ungewöhnlich präzise vorhersagen kann. Die mit rund 80.000 Patientendaten gefütterte Software übertreffe in ihrer Genauigkeit alle bekannten Prognosemodelle für das individuelle kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko, behaupte die Studie, so Gaskell. Das lernende System habe für seine Vorhersagen neue Indikatoren herangezogen, welche Mediziner bei ihren Prognosen bisher meist nicht berücksichtigt hätten, etwa ärztliche Hausbesuche bei den Patienten. Momentan arbeiteten die Forscher an einer Machbarkeitsstudie für den kommerziellen Einsatz ihres Programms.

Der französische Pharmamanager und E-Health-Spezialist Lionel Reichardt, als „Pharmageek“ auf diversen Plattformen aktiv, stellt die wachsende Bedeutung und das wirtschaftliche Potential computergenerierter Echtzeit-Simulationen (Virtual Reality, Augmented Reality) in der Medizin in den Mittelpunkt eines aktuellen Tweets. Er nimmt Bezug auf einen Artikel von Marta Hlova auf „MDDI Online“.

Demnach sollen bis zum Jahr 2023 knapp fünf Milliarden US-Dollar in derartige Systeme in der Medizin investiert werden. Goldman Sachs sehe die Medizin als zweitwichtigsten Anwendungsbereich für VR- und AR-Programme hinter dem Spielemarkt, heißt es bei Hlova. Drei Probleme verhinderten derzeit eine schnellere Ausbreitung der virtuellen Realität in Kliniken und Arztpraxen: Zum einen herrsche ein Mangel an geeigneten (Programm-)Inhalten, die von hochspezialisierten Designern und Programmierern aufwendig produziert werden müssten. Zum anderen sei die derzeit verfügbare Hardware (in erster Linie Brillen bzw. “Headsets”) zu schwer, zu unbequem und zu teuer. Schließlich bestehe ein weiterer Nachteil in der  langen Gewöhnungs- und Übungsphase, die für Anwender beim Umgang mit virtuellen Umgebungen erforderlich sei.

Ein weiterer Pharmageek-Tweet stellt ein digitales Pilotprojekt zweier Länder in den Mittelpunkt: den grenzüberschreitenden Austausch elektronischer Patientendaten zwischen Estland und Finnland, der auch digitale Rezepte einschließt. Über das Projekt, das bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll, berichtet Sarantis Michalopoulos auf „Euractiv“. Von offizieller Seite heiße es, das Vorhaben – eine Weiterentwicklung des EU-Programms „eHDSI“ – besitze Modellcharakter für eine EU-weite Daten-Infrastruktur im Gesundheitsbereich. Dem finnisch-estländischen Vorstoß sollen sich zunächst Schweden, Griechenland und Zypern anschließen. In 2019 folgten schätzungsweise 18 weitere EU-Staaten, schreibt „Euractiv“-Autor Michalopoulos.