Was ist der Unterschied zwischen #Sciblogs und #Scilogs? Beides sind populärwissenschaftliche Blogplattformen mit Medizin-Themen, die eine, Sciblogs, in Neuseeland, die andere in Deutschland, als Online-Ableger von „Spektrum der Wissenschaft“ (SdW), dem seit 40 Jahren erscheinenden Science-Magazin aus Heidelberg.

Während hierzulande die Diesel-Abgas-Diskussion auf Verbrennungsschadstoffe wie Stickstoffoxide (NOx) und Feinstaub abhebt, richtet Dr Brendan Moyle, Sciblogs-Autor und Dozent an der neuseeländischen Massey University, sein Augenmerk auf die mikrobielle Belastung in Fahrzeuginnenräumen.

In den hochgradig verkeimten Fahrgastzellen, so argumentiert der Wissenschaftler, verbringe man im Durchschnitt viel mehr Zeit als draußen im Smog. Bakterien auf Lenkrad, Anschnallgurten, Display, Sitzen und Ablagen stellten ein weitaus größeres Gesundheitsproblem dar. Über 700 verschiedene Erregerarten seien einer Studie zufolge in Kraftfahrzeugen nachweisbar, wobei das Steuerrad mit über 600 „koloniebildenden Einheiten“, also Gruppen vermehrungsfähiger Mikroorganismen, die am höchsten kontaminierte Stelle sei – viermal schmutziger als eine öffentliche Toilette. Dr. Moyle gibt im weiteren Verlauf seines Beitrags zahlreiche Tipps für bessere Hygienebedingungen im Auto.

Ganz anders Scilogs: Der „SdW“-Blog glänzt in der Medizin-Rubrik mit einem lesenswerten Post der Berliner Gynäkologin, Immunologin und Neurowissenschaftlerin Dr. @KarinSchumacher anlässlich des Weltkrebstages. Schumacher legt dar, dass #Krebs der evolutionsbiologische Preis ist, den das höhere Säugetier Mensch für eine seiner „Schlüsselinnovationen“ bezahlen muss: die #Plazenta.

Das legen neuere Forschungsergebnisse nahe, die zeigen, dass das epigenetische Aktivierungsmuster (DNA-Methylierung) von Plazentazellen dem von #Tumorzellen, und zwar ausschließlich diesem, sehr ähnlich ist. Mit anderen Worten: Bei der Entstehung von #Krebszellen wird das gleiche Entwicklungsprogramm eingeschaltet wie bei der Bildung des extraembryonalen Gewebes, sprich Plazenta, Fruchtblase und Nabelschnur.

Mit dem Plazenta-Programm wurde auch das Risiko für #Tumorerkrankungen in das #Erbgut der Säuger eingeschrieben; Säugetiere entwickeln vergleichsweise häufig Krebs. Ursache war möglicherweise eine retrovirale #Infektion, schreibt Schumacher.

Für die Ausbildung der Plazenta ist ein spezifisches Gen verantwortlich, das vermutlich durch ein #Retrovirus in die #DNA der #Keimzellen früher Säugetiere vor schätzungsweise 150 Millionen Jahren codiert wurde – evolutionäre Blaupause für die (parasitäre) #Symbiose zwischen Mensch und #Viren. Die vollständige #Sequenzierung des menschlichen Erbguts habe ergeben, so die Autorin, dass neun Prozent des humanen Genoms von Viren, hauptsächlich Retroviren, stammten.

Bis sich aus diesen Erkenntnissen neue #Gentherapien gegen #Tumorerkrankungen gewinnen lassen, werde noch viel #Forschung nötig sein. Bis dahin, meint Schumacher, bleiben uns außer kurativen Maßnahmen vor allem die #Primärprävention (in Form einer möglichst gesunden Lebensweise) und die #Früherkennung als Mittel im Kampf gegen den Krebs.

Apropos „Spektrum der Wissenschaft“: Lohnenswert ist ein Blick in den Twitter-Kanal von @LarsFischer, Scilogs-„Overlord“ und Redakteur bei „Spektrum.de“. O-Ton: „Wenn man beim Recherchieren nicht ein-, zweimal seine Ansicht ändert, recherchiert man möglicherweise schlecht.“ Sehr unterhaltsame Videos von Fischer sind in seinem YouTube-Kanal „Wir werden alle sterben“ zu finden.

Vom Fischblog virtuell nicht weit entfernt sendet das Wirkstoffradio der Berliner Wissenschaftler André Lampe und Bernd Rupp. Lampe ist promovierter Physiker, war am Leibniz-Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin tätig und arbeitet heute als freier Wissenschaftler; Rupp ist Doktor der Pharmazeutischen Chemie und Chemieinformatiker am FMP. Wirkstoffradio ist ein #Podcast („Zur Anwendung im Ohr“), der sich in Gesprächs- und Diskussionsform unterschiedlicher Themen auf dem multidisziplinären Feld der #Wirkstoffforschung annimmt. In ihrer aktuellen Episode hinterfragen die Wahlberliner kritisch die Statistik zur Genauigkeit der seit Oktober frei verkäuflichen HIV-Selbsttests.

Auf Basis der verfügbaren Zahlen aus dem epidemiologischen Bulletin des Robert Koch Instituts, „Schätzung der Zahl der HIV-Neu­in­fek­tionen und der Gesamt­zahl von Menschen mit HIV in Deutschland“ (Stand 2017), versuchen sie, die Aussagen der Medizinproduktehersteller in den Gebrauchsinformationen ihrer Schnelltests mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung nachzuvollziehen – und entlarven sie, wie zuvor bereits das Essener Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), als „Unstatistik“ des Monats (Januar 2019).

Denn die Angaben in einzelnen Beipackzetteln, wonach die „Genauigkeit“ des Tests bei über 99 Prozent liege, lasse den Anwender glauben, ein positives Testergebnis bedeute mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich eine HIV-Infektion habe. Das treffe jedoch bei weitem nicht zu: Berechne man die maßgebliche, für den Anwender entscheidende Größe, nämlich den „positiven prädikativen Wert“, so liege dieser nur bei 1,6 Prozent. Das bedeute, dass von 63 Menschen, deren Test positiv ausfalle, nur ein einziger tatsächlich eine Infektion habe. Das Diktum HIV-Infektion“ sei für Menschen, die den Test alleine zu Hause durchführten, ohne fachliche Beratung, und die nicht mit der Möglichkeit eines falsch-positiven Resultats rechneten, schlicht eine psychologische Katastrophe.

Die Podcast-Autoren halten die HIV-Selbsttests denn auch für wenig sinnvoll, zumal sie Infektionsereignisse erst drei Monate danach anzeigen können – inzwischen also wertvolle Zeit verstrichen ist, die bereits für therapeutische Interventionen hätte genutzt werden können. Wirkstoffradio empfiehlt Menschen, die ihren Immunstatus auf Verdacht hin prüfen möchten, einen anonymen #HIVTest bei einer der einschlägigen Beratungsstellen vornehmen zu lassen; diese seien präziser und schneller als die Testkits aus Drogeriemärkten oder Internet.

Das Wirkstoffradio ist übrigens auch auf der Podcastseite wissenschaftspodcasts.de vertreten, die in ihrer Rubrik „Medizin“ das ebenfalls hörenswerte Audioblog „The Random Scientist“ anbietet. Die „Zufallswissenschaftler“ sind die Herren Dres. Stefan Dillinger in Regensburg und Dominic Helm in Heidelberg, beide Biochemiker. In ihren Hörfeatures behandeln sie Grundlagen- und Hintergrundthemen zur Biologie, von der menschlichen Immunreaktion auf CRISPR über Dunkelreaktionen der Photosynthese bis zum Mikrobiom von Babys.

Schauen wir zum Schluss noch einmal in die englischsprachige Blogosphäre. Auf Reddit, dem Social-News-Aggregator, hat der Bericht der Weltgesundheitsorganisation (@WHO), wonach sich die Zahl der #Maserninfektionen in Europa 2018 im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht hat, die Impfbefürworter auf den Plan gerufen. Ein News-Post über die Mitschuld der  Anti-Impf-Bewegung an der weltweiten Wiederausbreitung der #Masern gehört aktuell zu den populärsten Meldungen auf Reddit und findet 95 Prozent Zustimmung unter den Usern.

Bisher konnte man den Eindruck gewinnen, die notorischen #Impfgegner eroberten in den sozialen Medien schleichend die virtuelle Meinungsführerschaft. Erstarken jetzt die auf Evidenz und Vernunft bauenden „Pro Vaxxers“? Verdienstvolle Aufklärungsseiten wie „Vaxopedia“ (@twitter) tragen sicher ihren Teil dazu bei.