Wieviel Kaffee haben Sie heute schon getrunken? Der belebende Bohnensud ist die Volksdroge schlechthin. Rund 1000 Tassen, etwa 160 Liter, trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Mehr als Alkohol: Davon werden, in Form von Fertiggetränken wie Bier oder Wein, im Laufe eines Jahres durchschnittlich 130 Liter konsumiert.

Überwogen früher die kritischen Stimmen gegenüber Kaffee – der diuretische Effekt könne zur Hypohydratation führen, die hypertonische Wirkung begünstige kardiovaskuläre Erkrankungen – , belegen heute viele Studien das Gegenteil: Maßvoll genossen, bei drei bis vier Tassen pro Tag, ist der schwarze Muntermacher sogar gesund (einen aktuellen Überblick bietet das Food Feature der Harvard T.H. Chan School of Public Health).

Allerdings macht es der Mokka den Forschern nicht leicht: Zahlreiche Faktoren, wie die jeweilige Kaffeesorte, das Herstellungsverfahren, die Vielzahl unterschiedlicher Inhaltsstoffe und schließlich die genetische Disposition des Kaffeetrinkers selbst, beeinflussen die Wirkung des psychotropen Heißgetränks.

Als mir vor etlichen Jahren auf Grund einer Tonsillitis die Gaumenmandeln operativ entfernt wurden, begegnete mir in der Rekonvaleszenz des Öfteren auf dem Flur der Klinik ein permanent Kaffee trinkender Mitpatient. Eines Tages, nachdem einige Worte gewechselt waren, verriet mir der Mann, warum er stets mit Brühe im Automatenbecher anzutreffen sei: Der Kaffee, so der Kranke, sei gut gegen seine chronischen Kopfschmerzen. (Behandelt wurde er aber, soweit ich mich erinnere, wegen einer Nasennebenhöhlengeschichte.)

Koffein gegen Kopfweh? Bedingt, ja. Die Stiftung Kopfschmerz geht davon aus, dass regelmäßiger Konsum erhöhter Koffeinmengen chronische Kopfschmerzen lindern und die Dauer der Schmerzepisoden reduzieren kann. Sie beruft sich dabei auf eine ältere Studie aus Norwegen. Dem scheint eine aktuelle Studie zu widersprechen, der zufolge mehr als drei Tassen Kaffee am Tag bei Migränepatienten das Risiko für eine Kopfschmerzattacke erhöhen. Doch schon die norwegischen Forscher vermuteten, dass Koffein zwar lang anhaltende Kopfschmerzen eindämmen, gleichzeitig aber kurzfristige Beschwerden auslösen könne – also quasi den Dauer- in einen Akutschmerz umwandelt.  

Wer glaubt, seinen Kaffeekonsum einschränken zu müssen, sei ebenfalls gewarnt: Eine zu rasche Koffeinentwöhnung kann bei Freunden des Schwarzen wiederum Kopfschmerzen auslösen. Wieviel Kaffee einem Menschen tatsächlich zuträglich ist, muss im Einzelfall symptomatisch abgeklärt werden. Einen lesenswerten Artikel über das schwierige Verhältnis zwischen Röstbohnenaufguss und Schädelpein bietet der Berliner Physiker Dr. Markus Dahlem in seinem Blog auf der Migräne-Seite „M-sense“. Dort findet man übrigens auch „die besten Migräne-Tweets“ des Monats.

Malaria, hämorrhagische Fieber wie Ebola und Dengue, virale Hepatitis, multiresistente Tuberkulose (MDR-TB), Tularämie (Hasenpest): Zoonosen, also vom Tier auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten, breiten sich aus. Zwei wesentliche Gründe für die bedenkliche Entwicklung sind die zunehmenden Antibiotikaresistenzen bei den Erregern und die durch Klimaveränderung begünstigte geografische Ausbreitung der Überträger. Aber auch staatliche und sozioökonomische Krisen in bestimmten Ländern, die eine wirksame Infektionsbekämpfung erschweren, spielen eine Rolle, außerdem der globale Waren- und Reiseverkehr.

Potentielle Gefahren liegen in der genetischen Variabilität der Pathogene: Ihre Fähigkeit zur Rekombination und Mutation des Erbguts könnte rasch zu weiteren antimikrobiellen Resistenzen, zu Wechseln des Reservoirwirts und zu neuen Transmissionsmodi führen, zum Beispiel zur Übertragung durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch.

Etwa zwei Drittel aller Infektionskrankheiten sind Zoonosen. Man unterscheidet nach der Art der Erreger hauptsächlich virale, bakterielle und parasitäre Zoonosen sowie zoonotische Mykosen (Pilzerkrankungen). Infektionsquellen sind nicht nur Tiere, darunter häufig auch Haustiere (Hunde, Katzen, Nagetiere, Fische, Amphibien), die Erreger können auch in infektiösen Lebensmitteln primär tierischer Herkunft stecken, oder sie finden ihr Reservoir in kontaminiertem Wasser, in Pflanzen oder im Erdreich. Die häufigsten durch keimbelastete Lebensmittel verursachten Zoonosen sind die meldepflichtige Salmonellose und die Campylobakteriose.

Der Kampf gegen invasive Mikroorganismen und importierte Infektionskrankheiten steht längst auf der internationalen Agenda. Auf dem jüngsten G7-Gipfel gab die Bundesregierung bekannt, dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids (ursprünglich eine Zoonose), Tuberkulose und Malaria (GFATM) eine Milliarde Euro zukommen zu lassen. Weitere wichtige Geberländer des 2002 auf UN-Initiative gegründeten Fonds sind die USA, Frankreich und Großbritannien. Die G7-Staaten haben sich bereits 2015, unter dem Eindruck des bisher größten Ebola-Ausbruches in Westafrika, dazu verpflichtet, 76 Länder bei der Umsetzung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Epidemieprävention zu unterstützen. Die Weltbank entwickelte ein spezielles Finanz- und Versicherungskonzept, das betroffene Länder vor den wirtschaftlichen Folgen durch Epidemien schützen soll.

Die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen zoonotische Virusinfektionen mit Pandemiepotential will die in Norwegen ansässige Initiative „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“ (CEPI) vorantreiben, eine internationale Allianz aus WHO, EU-Kommission, Länderregierungen, Forschungseinrichtungen, Impfstoffherstellern und privaten Geldgebern.

Die CEPI nimmt vornehmlich sechs virale Infektionskrankheiten ins Visier, fünf davon finden sich auf einer von der WHO veröffentlichten Liste mit Erregertypen, deren Bekämpfung als prioritär eingestuft wird: MERS-CoV, Lassa-Fieber, Nipah, Rifttalfieber (RVF) und… „Disease X“ – Platzhalter für ein unbekanntes, in seinen Reservoirwirten bislang unentdecktes Virus oder ein mikrobiologisch noch gar nicht existierendes, erst durch zukünftige Mutationen entstehendes Humanpathogen, das die Menschheit eines Tages bedrohen könnte.

Die Gelder der CEPI fließen zum Beispiel in Biotechnologieunternehmen wie Public Health Vaccines (PHV) in Cambridge, USA, das einen Impfstoff gegen die hochakute, hochletale Nipah-Virus-Infektion entwickelt, die französische Firma Valneva, die an einer Einzeldosis-Impfung gegen Chikungunyafieber arbeitet, oder das Wiener Startup Themis Bioscience, das an Impfstoffen gegen Lassa- und MERS-Corona-Viren forscht.

Übrigens: Den Impfstoffkandidaten gegen die Nipah-Enzephalitis, rVSV-Nipah, hat ein deutscher Forscher, der in Marburg graduierte Virologe Heinz Ulrich Feldmann entdeckt, heute Leiter der virologischen (BSL-4-)Hochsicherheitslabore am National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) innerhalb des National Institute of Health (NIH) in den USA. Feldmann, der bereits den Ebola-Vektorimpfstoff rVSV-ZEBOV entwickelt hat, ist ein mehrfach ausgezeichneter und weltweit gefragter Experte, er berät die WHO hinsichtlich der „emerging infectious diseases“. Seine Nipah-Vakzine hatte ihre Wirksamkeit bereits in präklinischen Studien (Testung an Affen) erwiesen, bevor sie von der NIAID an PHV lizenziert wurde.

Ein wichtiger Termin für die Zoonosenforschung ist das internationale Symposium „Zoonoses 2019“, das vom 16. bis zum 18. Oktober 2019 in Berlin stattfindet. Heinz Ulrich Feldmann, den man zuletzt im Mai als Sprecher beim „European Congress of Virology“ in Rotterdam erleben konnte, wird dort nicht vortragen. Dennoch darf man gespannt sein, wenn in Berlin auf Einladung der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen Hunderte Wissenschaftler aus den unterschiedlichen Bereichen der Zoonosenforschung, Human- und Veterinärmediziner, Epidemiologen, Grundlagenforscher, Daten- und Statistikexperten über „Global Health“ diskutieren. Hinter dem modischen Begriff – in anderen Kontexten ist auch von „One Health“ die Rede – stehen die Erkenntnis und das Bewusstsein, dass virale und mikrobielle Infektionswellen nicht an Ländergrenzen haltmachen, sondern multinationale und interdisziplinäre Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung erfordern.

Im vergangenen Jahr, als sich die Veranstaltung noch „Nationales Symposium für Zoonosenforschung“ nannte, sprach ein Vertreter des Bundesverteidigungsministeriums das Grußwort. Ein Indiz dafür, dass sich inzwischen auch die Sicherheitspolitik mit den Bedrohungspotentialen von Epidemien und Pandemien auseinandersetzt. Sehr aufschlussreich dazu ist ein Interview mit der Leiterin des Referats Internationale Politik und Sicherheitspolitik an der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Dr. Anja Opitz, auf der Seite der CSU-nahen Hanns Seidel Stiftung. Es geht um „globale Gesundheitssicherheit“ als Teil eines erweiterten Sicherheitsbegriffs, importierte Infektionskrankheiten als Herausforderung für Staat und Gesellschaft und die deutsche Mitgliedschaft in der Global Health Security Alliance (GloHSA).

Kürzlich habe ich mir in der ARD-Mediathek Edgar Reitz‘ „Heimat“-Prequel „Die andere Heimat“ angeschaut, ein panoramahaftes, kinematophiles, atmosphärisch dichtes, in Schwarz-Weiß gehaltenes Soziogramm verarmter, durch Adel und Obrigkeit drangsalierter Dorfbewohner im ländlichen, von Auswanderungswellen erfassten Hunsrück in der Zeit vor der Märzrevolution von 1848/1849. Darin wird von einem Diphtherie-Ausbruch erzählt, dem zahlreiche Kleinkinder im Dorf zum Opfer fallen, vom erzwungenen Fatalismus der Familien und von der großen Hilflosigkeit der Medizin.

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit im frühindustriellen 19. Jahrhundert war enorm hoch; 40 bis 50 Prozent der Geborenen, zeitweise mehr, verstarben innerhalb der ersten fünf Lebensjahre. Die Diphtherie, eine akute, ansteckende bakterielle Infektion der oberen Atemwege („Krupp-Husten“), wütete über Jahrhunderte als gefürchtete Seuche und galt, da sie vor allem die Jüngsten traf und häufig zum Erstickungstod führte (Kehlkopfdiphtherie), als „Würgeengel der Kinder“. Im 19. Jahrhundert starben in Deutschland jedes Jahr rund 50.000 Kinder an der Krankheit.

Heute ist die Zahl von Neuerkrankungen bei der durch den Erreger Corynebacterium (C.) diphtheriae verursachten „klassischen“ Diphtherie in Westeuropa dank hoher Durchimpfungsraten gering. Eine deutliche Zunahme von Neuinfektionen ist allerdings bei einem anderen Diphtherie-Erreger, C. ulcerans, festzustellen.

Der toxigene Keim, der lokale und systemische Symptome von Rachen- und Hautdiphtherie sowie kardiale und neurologische Symptome hervorrufen kann, wird nach bisherigen Erkenntnissen hauptsächlich durch Nutz- und Haustiere, darunter Katzen und Hunde, auf den Menschen übertragen. Trotz eines Verdachtsfalles konnte eine Übertragung von Mensch zu Mensch bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Auf dem Vormarsch ist die klassische Diphtherie in Osteuropa. Nachdem es in den neunziger Jahren in der ehemaligen Sowjetunion zu großen Ausbrüchen mit bis zu 150.000 Fällen gekommen war, breitet sich C. diphtheriae heute in Ländern wie Lettland und der Ukraine wegen zu geringer Impfraten wieder aus.

Auch in Deutschland haben zur Zeit viele Erwachsene keinen aktuellen Impfschutz, da sie in den zurückliegenden zehn Jahren keine Auffrischimpfung gegen Diphtherie erhalten haben. Mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt in Ihr gelbes Impfbuch geschaut? Lassen Sie Ihren aktuellen Diphtherie-Impfstatus vom Hausarzt überprüfen und sich gegebenenfalls immunisieren. Bei der Gelegenheit können Sie auch nachschauen, ob Sie gegen Masern geschützt sind. Masern sind keine „Kinderkrankheit“, mehr als die Hälfte der Neuerkrankungen betrifft Jugendliche und Erwachsene. Wurden Sie nach 1970 geboren und als Kind nicht oder nur einmal gegen Masern geimpft, dann schließen Sie diese Immunitätslücke!

Großbritannien, laut WHO nicht mehr Masern-frei, verzeichnet steigende Fallzahlen bei der hochansteckenden Virusinfektion. Angesichts eines drohenden No-Deal-Brexit und möglicher Versorgungsengpässe bei Impfstoffen keine gute Aussicht. Premier Johnson plant im Herbst deshalb einen nationalen „Masern-Gipfel“.