Blogdosis

Hier wird vom Autor aufdosiert: Lesen Sie regelmäßige Exzerpte aus internationalen Healthcare-Blogs. Welche Themen treiben die unabhängigen Gesundheitsblogger an? Wer sind die Influencer, was liegt im Trend?
Therapeutische Chatbots, Teufelskralle und Deutsche Depressionshilfe

Therapeutische Chatbots, Teufelskralle und Deutsche Depressionshilfe

Die Datafizierung und Algorithmisierung der Medizin ist weiterhin ein vielbesprochenes Thema in Healthcare-Blogs weltweit. So geht Ashley Boynes Shuck auf der US-amerikanischen Content-Plattform #Healthline der Frage nach, inwieweit intelligente #Chatbots Patienten mit #rheumatoiderArthritis (#RA) in ihrem Alltag unterstützen können.

Programme dieser Art, wie sie kürzlich das #AmericanCollegeOfRheumatology vorgestellt habe, seien in der Lage, individuelle Ernährungs- und Verhaltensempfehlungen auszusprechen, über Arzneistoffe und Wirkmechanismen zu informieren, persönliche Arzt- und Medikationstermine zu überwachen und Hilfestellung beim Ausfüllen von Rezepten zu geben, schreibt die Autorin. Die Software übermittle aktuelle Patientendaten in Echtzeit an den behandelnden Arzt, der die Therapie dadurch besser steuern könne. Die Zahl der Praxis- und Klinikbesuche lasse sich in manchen Fällen reduzieren.

Viele RA-Patienten scheuten jedoch die Konversation mit #künstlicherIntelligenz (#KI), weshalb einige Programme mit realen menschlichen Trainern arbeiteten. Auf diese Weise würden die Compliance und Motivation der Anwender deutlich verbessert, meint Boynes Shuck.

Dazu passt ein Tweet von Blogger Lionel Reichardt alias #Pharmageek, der einen bei #PhilipsHealthcare tätigen Mediziner mit den Worten zitiert, KI werde in der Medizin Dinge ermöglichen, „von denen wir die letzten 500 Jahre geträumt haben“. Dies betreffe die Genauigkeit von Prognosen, die Qualität in der #Diagnostik (#Radiologie), die Erfassung und Kontrolle von Vitaldaten, die Personalisierung von Therapien, die Entwicklung neuer Arzneistoffe und nicht zuletzt die Effizienz in der Gesundheitsverwaltung. Mehr dazu hier.

Bleiben wir beim Thema #rheumatoideArthritis: Das Zytostatikum #Methotrexat (#MTX) zählt zu den Basismedikamenten bei deren Behandlung. Obgleich die Dosierung von MTX in der RA-Therapie deutlich niedriger ist als in der Tumorbehandlung, können auch hier kritische #Nebenwirkungen auftreten. Ein Patient, der den DHFR-Inhibitor offenbar nicht oder nur sehr schlecht verträgt, fragt andere Betroffene auf der Social-News-Plattform #Reddit (Subreddit r/rheumatoid) nach ihren Erfahrungen und erkundigt sich nach alternativen Arzneistoffen.

Etwa die Hälfte der Nutzer, die antworten, berichtet ebenfalls von gravierenden Nebenwirkungen. „Methotrexat machte mich tagelang richtig krank,“ schreibt einer und ergänzt, dass MTX dessen ungeachtet für die meisten Patienten wohl funktioniere. Ein anderes Forumsmitglied schildert: „Ich vertrage MTX nicht, die Nebenwirkungen waren schrecklich. Permanente Übelkeit, Magenprobleme, Haarausfall und die Hälfte der Woche Kopfschmerzen. Mein Arzt weigerte sich, mir ein anderes Mittel zu verschreiben. Erst, als ich den Arzt wechselte, lernte ich verschiedene Wirkstoffe kennen und probierte sie aus.“ Heute werde er erfolgreich mit #Actemra (#Tocilizumab) behandelt, das zu den #Biologicals zählt.

Viele Nutzer vermuten, dass sich MTX deshalb als Standardmittel durchgesetzt habe, weil es unter den krankheitsmodifizierenden #Antirheumatika (#DMARDs) das kostengünstigste sei. Als besser verträgliche Alternativen im Einzelfall werden von den Autoren unter anderem die (teureren) Bio-DMARDs und TNF-Inhibitoren #Enbrel (Etanercept) und #Humira (Adalimumab) genannt, aber auch die synthetischen DMARDs #Xeljanz (Tofacitinib) und Leflunomid, überwiegend jeweils als Monotherapie.

Auf die Bedeutung einer entzündungsentlastenden Ernährung zur positiven Unterstützung bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen (#Rheumadiät) macht die Bloggerin und Buchautorin Michaela Döll auf der naturkundlichen Gesundheitsseite Sanitudo aufmerksam. Grundlage bilden die Empfehlungen der #DeutschenGesellschaftFürErnährung (#DGE), also eine Ernährungsform mit reduzierter Arachidonsäurezufuhr (tierische Fette) und erhöhter Aufnahme (Supplementierung) von n-3-Fettsäuren (Seefisch, Fischöl, bestimmte Pflanzenöle) sowie Antioxidantien (Gemüse, Obst). Darüber hinaus kann der regelmäßige Verzehr von Ingwer (Scharfstoffe wie die Gingerole; ätherische Öle wie das Zingiberen), Brokkoli (Glucosinulate), Brennnessel (Steroide, organische Säuren in der Wurzel), Gewürzen wie Kurkuma (Curcumin) und Basilikum (ätherische Öle wie das Eugenol) sowie der #AfrikanischenTeufelskralle (vermutlich Harpagosid in der Wurzelknolle) nach Auffassung der Autorin, die verschiedene Studien anführt, die antiinflammatorische Ernährungstherapie sinnvoll ergänzen.

Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) liegt übrigens im Trend: Auf #YouTube widmen sich über 300 Videos dem krautigen Sesamgewächs in seiner Bedeutung als Human-Phytotherapeutikum, die überwiegende Mehrzahl davon nichtkommerziell. Ein aktuelles Affiliate-Influencer-Video aus Deutschland testet 10 Teufelskralle-Präparate und setzt das Produkt von #Ratiopharm auf Platz eins. Die Google-Suchanfragen für das Heilgewächs schießen pünktlich zu Beginn der nass-kalten Jahreszeit (#Gelenkbeschwerden) in die Höhe und erreichen den höchsten Wert der vergangenen 12 Monate. Zum Vergleich: Der Suchbegriff #Johanniskraut liegt aktuell 16 Zähler darunter, auf YouTube gibt es nur rund 100 Videos dazu. Wahrscheinlich wird es derzeit einfach noch nicht früh genug dunkel (#Winterdepression), trotz Normalzeit.

Die #Winterdepression ist übrigens eine von der #WHO anerkannte Krankheit, die in der neuesten Fassung der „Internationalen Klassifikation von Krankheiten“ (#ICD-11) der Gruppe der rezidivierenden depressiven Störung zugeordnet wird.

Wintertief? Hier geht es zum #Selbsttest! Und nicht vergessen: Eine Depression klingt ab, wenn man sich zusammenreißt und Schokolade isst. Davon zeigt sich jedenfalls fast jeder fünfte Bundesbürger überzeugt, laut „Deutschland Barometer Depression“ (2017). Neue Daten werden von der @DeutschenDepressionshilfe am 27. November vorgestellt (presse@deutsche-depressionshilfe.de).

 

 

Neues aus den Medizin-Blogs der Welt: Aufgerüstete Killerzellen, promiskuitive Gen-Effekte und Ziegelsteine aus Urin

Neues aus den Medizin-Blogs der Welt: Aufgerüstete Killerzellen, promiskuitive Gen-Effekte und Ziegelsteine aus Urin

Werfen wir einen Blick in ausgesuchte Science-Blogs. Und beginnen wir mit NovelTargets (NT), einer Podcast-Plattform mit ganz hervorragenden Kontributoren. Schwerpunkt sind neue Erkenntnisse und Entwicklungen in der Zell- und #Gentherapie und ihre Bedeutung für die #Onkologie.

In einer weiteren Folge der NT-Podcast-Serie „Im Schatten der T-Zellen“ erörtern internationale Experten das Potential der sogenannten natürlichen #Killerzellen (NK-Zellen) in der #Krebsimmuntherapie. Hintergrund sind die bemerkenswerten Erfolge der CAR-T-Zell-Therapien, von denen zwei in Europa zugelassen wurden und eine inzwischen auch in Deutschland verfügbar ist. Sie zeigen, in welche Richtung die immunonkologische Forschung geht: Künftig sollen gentechnisch modifizierte #Immunzellen mit neuen Spezifikationen ein breiteres Spektrum von #Tumorerkrankungen bekämpfen können.

In dem Audiostück berichtet Dr. @MichaelCaligiuri, Chefarzt am #CityOf HopeNationalMedicalCenter in Kalifornien und früherer Präsident der #AmericanAssociationForCancerResearch (AACR), über seine Forschungen hinsichtlich CAR-modifizierter NK-Zellen. Das sind NK-Zellen, die mit einem synthetischen antigenspezifischen Rezeptor, dem „chimären Antigenrezeptor“ bzw. CAR, ausgestattet werden.

Caligiuri betont, dass noch viel #Grundlagenforschung notwendig sei, um die Funktionsweise der Immunzellen besser zu begreifen. Welche Rolle #Zytokine, immunregulatorische Proteine, bei der Aktivierung von NK-Zellen spielen, erläutern die US-Mediziner #ToddFehniger und #NickHuntington im Podcast. Der Franzose #EricVivier, Forschungsleiter beim Biotech-Spezialisten #InnatePharma, erzählt von seiner Arbeit mit monoklonalen #Antikörpern als Checkpoint-Inhibitoren, die es den NK-Zellen ermöglichen, die immunsuppressiven Strategien von Tumorzellen zu durchkreuzen.

Dr. @JamesGulley vom @NationalCancerInstitute (NCI) in den USA vermutet, dass es innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einem weiteren Durchbruch in der #Immunonkologie kommen werde; möglicherweise durch eine Kombination von CAR-NK-Zell-Therapie und Checkpoint-Blockade, die neue Maßstäbe bei der #Krebsbehandlung setzen könnte.

Auf @STAT-News postet die in Boston lebende kanadische Medizinjournalistin @HelenBranswell einen Bericht über die neue Anti-Influenza-Pille #Xofluza (enthaltener Arzneistoff ist das Virostatikum #Baloxavirmarboxi) von Roche. Das Präparat, das zur Klasse der Endonuklease-Hemmer mit neuem Wirkmechanismus gehört, wurde von der Food and Drug Administration (FDA) vergangene Woche früher als erwartet für den US-amerikanischen Markt zugelassen. In Japan ist das Mittel bereits seit Anfang des Jahres zugelassen, die Verkaufsrechte liegen dort bei Arzneimittelhersteller #Shionogi, der Baloxavirmarboxi auch entwickelt hat. Die weltweiten Vermarktungsrechte hat sich #Roche gesichert, in den USA wird „Xofluza“ durch Roche’s Biotech-Tochter #Genentech vermarktet.

Angesichts des eher mäßigen Erfolges von Neuraminidase-Hemmer #Tamiflu (#Oseltamivir ) fragt sich Branswell, ob Roches neues #Grippemittel genügend Akzeptanz im Markt finden werde, zumal es mit einem Großhandelspreis von 120 US-Dollar relativ teuer sei. Im Jahr der Einführung werde Genentech Rabattgutscheine für Patienten mit und ohne Krankenversicherung anbieten.

Vorteil des schnell wirkenden Roche-Produkts: Es genügt eine Einmaldosis, während „Tamiflu“ fünf Tage lang zweimal täglich eingenommen werden muss. Die höhere „Convenience“ könne den Ausschlag geben, meint Branswell. Allerdings sollte „Xofluza“ innerhalb von 24 Stunden nach Auftreten der ersten Grippesymptome eingenommen werden, um seine volle Wirksamkeit zu erreichen – was im Alltag der meisten Patienten unrealistisch sei, gibt sich die Autorin skeptisch.

Ein weiteres interessantes Posting auf STAT-News stellt eine noch unveröffentlichte Studie aus den USA vor, bei der Forscher die #Gene von 500.000 Frauen und Männern untersucht und darunter vier #Genvarianten festgestellt haben, die entweder bei Menschen mit homosexuellen Erfahrungen oder bei heterosexuellen Menschen mit promiskuitivem Lebensstil auftauchten. Die Studie zeige, so Autorin #MeghanaKeshavan, dass es kein einzelnes „Homo-Gen“ gebe, sondern dass Nicht-Heterosexualität von mehreren verschiedenen Gen-Effekten beeinflusst werde.

Gleich mehrere Posts auf der US-amerikanischen Blog-Plattform @PLOS (Rubrik „Speaking of Medicine“) rücken die #Tuberkulose in den Fokus. Ein Gast-Blogger hatte anlässlich des „Global Tuberculosis Report 2018“ der #Weltgesundheitsorganisation (#WHO) die wissenschaftliche Gemeinschaft zu schnellem Handeln aufgerufen, um der #TBC „ein Ende zu bereiten“. In 2017 starben weltweit 1,6 Millionen Menschen an der bakteriellen Infektionskrankheit; rund neun Millionen Menschen erkranken jedes Jahr.

Nun plant die hinter PLOS stehende Non-Profit-Organisation für Wissenschaftskommunikation mit Sitz in San Francisco ein ganzes Dossier über „neue Methoden und Strategien zur Diagnose, Behandlung und Bekämpfung der TBC“, das im Frühjahr 2019 erscheinen soll. Wissenschaftliche Beiträge dazu können noch bis zum 9. November 2018 eingereicht werden. Zu den Mitherausgebern dieses Dossiers gehört Dr @RichardChaisson, Direktor des Center for Tuberculosis Research an der Johns Hopkins Universität, Kalifornien.

Zum Schluss ein Spotlight auf den chinesischen Wissenschaftsblog ScienceNet der China Science Journal Society in Peking. Dort wird zur Zeit ein Beitrag als „angesagt“ eingestuft, der sich mit dem #Recycling von menschlichem (und in erster Linie männlichem) #Urin beschäftigt. Im Mittelpunkt des Artikels von Ping Zhu steht der weltweit erste mit Harn produzierte Ziegelstein, der an der #UniversitätKapstadt, Südafrika, entwickelt wurde.

Das – im Vergleich zur klassischen Ziegelproduktion – energiesparende, ressourcenschonende Herstellungsverfahren für den Bio-Baustein ist die mikrobielle Karbonatfällung. Dabei reagiert Sandstein mit Bakterien, die #Urease produzieren, ein Enzym, welches den im Urin enthaltenen #Harnstoff spaltet. Die so entstehende zementartige Masse härtet in einer entsprechenden Form zum Baumaterial aus. Als Nebenprodukte fallen bei der Herstellung Stickstoff und Kalium an, die als Düngemittel Verwendung finden.

Blogger Zhu, männlichen Geschlechts,  fragt sich nun, welchen Effekt wohl weiblicher Urin auf die Qualität der Bio-Ziegel hätte. Any suggestions?

 

 

Influenza, AFM und ein Grippewitz

Influenza, AFM und ein Grippewitz

Vor 100 Jahren wütete die schlimmste bekannte #InfluenzaPandemie, der weltweit bis zu 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen: die #SpanischeGrippe. Daran erinnert die #Weltgesundheitsorganisation (#WHO) heute in einem Tweet. Und warnt davor, die #Virusgrippe zu unterschätzen, an der jedes Jahr rund 650.000 Menschen sterben. Weiterführende Informationen zur „echten“ Grippe @FluNet.

Das Informationsbedürfnis der Twitter-User in punkto #Influenza hält sich indes in Grenzen. Twitters Trendmonitor rückt stattdessen ein anderes Thema in den Mittelpunkt: Ein „scary virus“ breite sich in den USA vornehmlich unter Kindern aus, der noch nicht identifizierte Erreger rufe Polio-ähnliche Krankheitssymptome hervor. Gemeint ist #AFM (#AcuteFlaccidMyelitis), eine eher seltene aber ernste neurologische Erkrankung, deren Fallzahlen zunehmen. Derzeit gebe es in den USA 127 AFM-Verdachtsfälle; bei mehreren Erkrankungen sei #Enterovirus im Spiel. Ein Tweet dazu kommt von Medizinern in Boston @HealthMap, die sich wiederum auf eine Meldung der #CDC (#Centers for Disease Control and Prevention) @NBCNews berufen.

Hier erfährt man, dass die Ursache der „Pseudo-Polio“ keineswegs geklärt ist. Außer Enterovirus kommen weitere Erreger wie das #WestNilVirus, aber auch Umweltgifte und #Autoimmunerkrankungen als Auslöser in Frage. CDC-Direktor Dr. @RobertRRedfield teilt auf Twitter mit, die Bundesbehörde sei besorgt über AFM und arbeite eng mit den lokalen Behörden an der Aufklärung. Die CDC zählen 62 bestätigte Fälle der Erkrankung in 22 Bundesstaaten der USA.

Abgesehen davon, dass in Deutschland der Suchbegriff „Wiesn-Grippe“ (im Sinne einer Manifestation von örtlichem Alkoholabusus) Anfang Oktober noch eine kleine Sonderkonjunktur hatte, wächst das Interesse an der Virusgrippe laut Google nur allmählich. Ausreißer in der Beliebtheit assoziierter Begriffe sind #BoxaGrippal und #SpaltGrippal – #Sanofi und #Pfizer wird’s freuen – sowie #Globuli und #Nasenspray (dekongestiv oder präventiv à la #Abwehrspray?).

Und außer der Influenza? Erweitert man die Zeitachse auf 90 Tage, zählen vor allem #Gastritis, #Asthma und #HerpesZoster zu den pathologischen Gewinnern beim Google-Nutzerinteresse in Deutschland.

Sehr viel stärker als bei uns ist das Interesse an der Influenza bei unseren Nachbarn in Frankreich und Großbritannien. Im Vereinigten Königreich war die Präferenz des Suchbegriffs #flu (außer „swine flu“) im Oktober bis zu achtmal stärker als der Wert für die „Grippe“ in Deutschland.

Das liegt möglicherweise daran, dass die Insel im Januar 2018 von einer der größten #Grippewellen der vergangenen Jahrzehnte heimgesucht worden war. Ihren berühmten Humor haben die Briten trotzdem nicht verloren. Passender Witz:

The doctor tells the patient he has very bad flu. The patient says he wants a second opinion. The doctor says, ”OK, you’re ugly too”.

Mehr davon @scoopwhoop!

 

 

Posts der Woche: Big Data, KI und Virtual Reality in der Medizin

Posts der Woche: Big Data, KI und Virtual Reality in der Medizin

Werfen wir einen Blick in interessante Healthcare-Blogs aus dieser Woche. Stichwort: “Digitale Medizin“ – ein vielgestaltiges, häufig kontrovers diskutiertes Thema.

Ob OP-Roboter, elektronischer Pflegeassistent, virtuelles Patientenmonitoring oder Big Data auf der Intensivstation, Medizininformatik soll die Arbeit der Ärzte erleichtern und die Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten für Patienten verbessern. Folge: Die Menge digitaler medizinischer Daten wächst rasant. Kompliziert – und auch ethisch schwierig – wird es, wenn sich selbst optimierende Algorithmen diese Datenmengen interpretieren und behandelnden Ärzten bestimmte Entscheidungen abnehmen („Decision Support“). Die Frage: Wie weit darf Künstliche Intelligenz (KI) den Arzt ersetzen – darf sie es überhaupt?

Der britische Wissenschaftsautor Adi Gaskell stellt in seinem immer lesenswerten Blog The Horizons Tracker eine von „PLOS ONE“ veröffentlichte Studie vor, der zufolge ein von britischen Wissenschaftlern entwickeltes Programm mit Hilfe künstlicher Intelligenz das Risiko einzelner Menschen, an einem Herzinfarkt zu sterben, ungewöhnlich präzise vorhersagen kann. Die mit rund 80.000 Patientendaten gefütterte Software übertreffe in ihrer Genauigkeit alle bekannten Prognosemodelle für das individuelle kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko, behaupte die Studie, so Gaskell. Das lernende System habe für seine Vorhersagen neue Indikatoren herangezogen, welche Mediziner bei ihren Prognosen bisher meist nicht berücksichtigt hätten, etwa ärztliche Hausbesuche bei den Patienten. Momentan arbeiteten die Forscher an einer Machbarkeitsstudie für den kommerziellen Einsatz ihres Programms.

Der französische Pharmamanager und E-Health-Spezialist Lionel Reichardt, als „Pharmageek“ auf diversen Plattformen aktiv, stellt die wachsende Bedeutung und das wirtschaftliche Potential computergenerierter Echtzeit-Simulationen (Virtual Reality, Augmented Reality) in der Medizin in den Mittelpunkt eines aktuellen Tweets. Er nimmt Bezug auf einen Artikel von Marta Hlova auf „MDDI Online“.

Demnach sollen bis zum Jahr 2023 knapp fünf Milliarden US-Dollar in derartige Systeme in der Medizin investiert werden. Goldman Sachs sehe die Medizin als zweitwichtigsten Anwendungsbereich für VR- und AR-Programme hinter dem Spielemarkt, heißt es bei Hlova. Drei Probleme verhinderten derzeit eine schnellere Ausbreitung der virtuellen Realität in Kliniken und Arztpraxen: Zum einen herrsche ein Mangel an geeigneten (Programm-)Inhalten, die von hochspezialisierten Designern und Programmierern aufwendig produziert werden müssten. Zum anderen sei die derzeit verfügbare Hardware (in erster Linie Brillen bzw. “Headsets”) zu schwer, zu unbequem und zu teuer. Schließlich bestehe ein weiterer Nachteil in der  langen Gewöhnungs- und Übungsphase, die für Anwender beim Umgang mit virtuellen Umgebungen erforderlich sei.

Ein weiterer Pharmageek-Tweet stellt ein digitales Pilotprojekt zweier Länder in den Mittelpunkt: den grenzüberschreitenden Austausch elektronischer Patientendaten zwischen Estland und Finnland, der auch digitale Rezepte einschließt. Über das Projekt, das bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll, berichtet Sarantis Michalopoulos auf „Euractiv“. Von offizieller Seite heiße es, das Vorhaben – eine Weiterentwicklung des EU-Programms „eHDSI“ – besitze Modellcharakter für eine EU-weite Daten-Infrastruktur im Gesundheitsbereich. Dem finnisch-estländischen Vorstoß sollen sich zunächst Schweden, Griechenland und Zypern anschließen. In 2019 folgten schätzungsweise 18 weitere EU-Staaten, schreibt „Euractiv“-Autor Michalopoulos.

 

 

Rauscht der Wind im Rotor, sind Ohrenstöpsel gefragt

Rauscht der Wind im Rotor, sind Ohrenstöpsel gefragt

Das europäische Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat heute neue Lärmschutz-Richtlinien veröffentlicht. Der dort empfohlene Grenzwert für Windkraftanlagen liegt bei durchschnittlich 45 Dezibel am Tag. Liegt der Geräuschpegel darüber, kann er laut WHO krank machen (Evidenz für kardiovaskuläre und metabolische Risiken).

Zum Vergleich: Geräusche in der Wohnung, ein Kühlschrank oder ein normaler Regenschauer verursachen einen Lärmpegel von ca. 55 Dezibel; Flüstern und leise Musik erreichen im Schnitt 40 Dezibel. Dieser Hörschall ist aber meist nur temporär, während Windräder dauerhaft, auch im Ruhezustand, Lärm produzieren – tieffrequente Geräusche, sogenannten Infraschall.

Der WHO-Richtwert für Windturbinenlärm ist jedenfalls niedriger angesetzt als der vom Bundesumweltamt (UBA) derzeit vertretene Tagesgrenzwert von 55 Dezibel. Die Behörde räumt beim Lärmschutz in Deutschland generell Handlungsbedarf ein, dies vor allem in punkto Verkehrslärm.

Das sonst so schnelle Netz reagiert auf den Lärmbericht der WHO zunächst zögerlich. Vorerst twittern nur ein paar notorische Anti-WKAler über die institutionelle Argumentationshilfe gegen störend brummende Windräder. Vertreter alternativer Energieerzeuger halten dagegen. Die Benennung gesundheitlicher Risiken bei der Nutzung regenerativer Energien scheint nicht im Trend zu liegen.

Lärmschutz aber schon: Das Google-Trendbarometer verzeichnet ein Zwölfmonatshoch bei diesem Thema, gemessen an der Zahl der Suchanfragen in Deutschland. Analog steigt das Interesse an Gehörschutzprodukten: Der Suchbegriff „Ohrenstöpsel“ („earplugs“, „bouchons d’oreilles“) erreicht heute einen neuen Spitzenwert – europaweit.

 

 

10 Gründe, warum Sie diesen Blog ab heute regelmäßig lesen sollten

10 Gründe, warum Sie diesen Blog ab heute regelmäßig lesen sollten

Willkommen zum Textdosis-Blog und zu meinem ersten Eintrag.

An dieser Stelle möchte ich künftig regelmäßig einen Blick in interessante internationale Healthcare-Blogs werfen. Dabei beschränke ich mich nicht auf klassische Weblogs, sondern beziehe die gesamte sozial-digitale Kommunikationssphäre mit ein. Es können also auch (Achtung, Anführungszeichen) redditierte, getwitterte, gepinnte oder in anderen Formaten gepostete Mitteilungsformen sein.

Ebenso vielfältig ist die Auswahl der Kanäle: Vom privaten Einzelblog bis zum Medienblog, vom Posting im Blog-Netzwerk oder auf der News-Plattform bis zum Beitrag im Videoportal berücksichtige ich ganz unterschiedliche „Trägermedien“. Die meisten Blogs richten sich an ein breites Publikum, einige fachwissenschaftliche Journale sind auch dabei. Immer gegeben ist der Bezug zur Medizin, zur Gesundheit.

Neben der reinen Themenschau werde ich an dieser Stelle stets auch etwas „Social Listening“ betreiben und bestimmte Themen im Netz mit Hilfe einschlägiger Monitoring-Tools näher analysieren.

In der vergangenen Woche ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass sich die Deutschen, jedenfalls gemessen an der Anzahl von Google-Suchanfragen, weniger für die Alzheimer-Krankheit zu interessieren scheinen als ihre europäischen Nachbarn, namentlich die Franzosen und die Briten. Das Informationsbedürfnis zu Morbus Parkinson zum Beispiel übertraf die Neugier auf Alzheimer hierzulande bei weitem – und das sogar am Welt-Alzheimer-Tag. Anders in Frankreich: Dort herrschte schon in der Woche vor dem Aktionstag ein durchweg starkes Interesse an der Demenzerkrankung, erst recht war das am „World Alzheimer’s Day“ der Fall.

Ein genauerer Blick in die Daten gab Aufschluss. Während sich Franzosen wie Briten eher allgemein über Alzheimer informierten, gingen die Recherchen in Deutschland bereits in die Tiefe: Die Suchbegriffe mit dem stärksten Zuwachs waren „Homocystein“ (Nebenprodukt des Eiweißstoffwechsels, wird bei erhöhtem Blutwert mit Demenzerkrankungen assoziiert) und „Grüner Tee gegen Alzheimer“ (sic!).

Nun könnte man spekulieren (wenn man nichts anderes zu tun hätte): Sind wir ein Volk der versierten, lösungsorientierten Selbsthelfer? Oder steckt die möglicherweise hypochondrische Angst vor der Selbsterkrankung, die bei unseren Nachbarn weniger stark ausgeprägt zu sein scheint, hinter deutschem Wissens- und Erkenntnisdrang?

Kommen wir zum Schluss: Sie haben inzwischen nachgezählt und festgestellt, dass ich – anders als in der Überschrift vollmundig angekündigt – in diesem Beitrag keine 10 Gründe nenne, warum Sie meinen Blog künftig regelmäßig lesen sollten? Dann habe ich ein herzliches Anliegen: Lesen Sie meinen Blog künftig bitte nicht! (Lesen Sie stattdessen lieber ein Buch über die Beziehung numerischer Angaben zu Searchbots.)

À bientôt

Marcus Reiber